dead city radio

----------- summer 2003 ------------------------------------------------------------------------------------

 

dead city radio c/o michael sailer * clemensstraße 77 * D-80796 münchen * 089/3003408 * info@deadcityradio.de

 

neues Album:

»everything is so beautiful«

Ein kaum lesbarer Schriftzug auf der ersten Single, keine Vornamen (einige Nachnamen absichtlich falsch geschrieben), keine Fotos – dead city radio gaben sich anfangs alle Mühe, sich den kommerziellen Mechanismen des Pop-Geschäfts zu entziehen. »Visibility is a trap«, steht im Innencover ihrer (dritten) EP »Utopia«, ein Zitat von Michel Foucault. Begonnen hatte die obskure »Strategie« eigentlich schon mit der Gründung der Band: Die »Vorgängerband« The Comics war gerade mit Chumbawamba, Dead Moon und den Manic Street Preachers auf Tour gewesen, hatte mit »I Have Nothing To Offer The World But My Own Confusion« ihr bestes (und von der Kritik ausnahmsweise gelobtes) Album veröffentlicht und sich in den einschlägigen 4Medien einigermaßen etabliert, da zogen Michael Sailer, Roll »Tall« Vale, Ora und der gerade dazugekommene Schlagzeuger Wompl Wall den abrupten Schlußstrich.

Nicht ganz überraschend: »›Confusion‹ war eigentlich kein Comics-Album«, sagt Michael Sailer. »Genau genommen gab es The Comics nicht mehr, seit im Sommer 1987 die Originalbesetzung zerbröselt war. Was danach kam, waren verschiedene Bands, die auch verschiedene Namen hätten tragen müssen, um sich zu definieren.«

Nach einem langwierigen und teuren Rechtsstreit mit ihrer Plattenfirma war im Herbst 1995 die Zeit reif. Ermüdet und angeödet von den Gepflogenheiten der Branche und vom Wiederkäuen gängiger Rock-’n’-Roll-Formeln, beschloß die Band einen totalen Neubeginn. Alle Comics-Songs flogen rückstandslos aus dem Programm, in achtwöchigen Sessions entstand der Grundstock dessen, was den neuen Stil prägen und bestimmen sollte: extrem reduzierte Arrangements, assoziative Texte ohne Rock-Klischees (wozu auch ein strenges Verbot jeglicher Art von Love-Songs gehörte), vordergründig einfaches, dekonstruktives Songwriting, das am ehesten noch an frühe New-Wave-Gruppen wie Wire, Krautrock-Projekte wie Neu! und die nihilistische Avantgarde der 60er um Velvet Underground erinnerte. »Wir hatten die Pop-Klischees so satt, daß wir am liebsten überhaupt keine Songs mehr geschrieben hätten«, erinnert sich Sailer, »nur noch einminütige, monotone, mechanische Abläufe.« Der neue Name war ein Zufallsfund: der Titel eines Gedichts von William Burroughs, den Sailer beim Blättern in einer New-York-Dolls-Biographie entdeckte. Das Gedicht selber war nicht abgedruckt und spielt (hier) auch keine weitere Rolle.

Ein paar »richtige Songs« ließen sich nicht verhindern: Mit »electric city«, »i didn’t know«, »wire (blue messiah)« (keine Anspielung auf den Bassisten der Manic Street Preachers, sondern auf zwei dcr-Lieblingsbands) und »i just don’t know what to do with myself these days« entstanden gleich zu Beginn vier tragende Säulen des dcr-Programms.

Frühjahr und Sommer 1996 verbrachte die Band mit eher halbherzigen Versuchen, eine offene Tür in die Musikindustrie zu finden. Zurückgesandte Tapes, von denen nur die ersten fünf Sekunden abgespielt worden waren, und eine lauwarme Einladung zu einem Mittags-Auftritt auf einem Ausflugsboot während der "PopKomm" (dankend abgelehnt) bestätigten jedoch die Ressentiments der Band ebenso wie das gänzliche Ausbleiben einer Antwort in 99 Prozent der Fälle. Das Debütalbum »Let’s Pretend We’re There« blieb unveröffentlicht.

Unter dem Namen I Hate Music gründeten dead city radio Ende 1996 ein eigenes Label. Von den schon fertigen Aufnahmen schenkten sie Marc Liebscher für seinen Sampler »the smart club« den Song »(come) slide with me«; außerdem entstanden für das Memorial-Album »Tribute To Simon 77« »messiah« und die Clash-Coverversion »Death Or Glory«. Im Mai 1997 erschien dann – in handgeklebtem Papp-Cover – die erste von vier geplanten Single-EPs: »urban happiness revisited«. Die zweite, »atlantic waves«, folgte zwei Monate später, enthielt wiederum vier Songs und zusätzlich einen Disco-Remix von Max Fellmann, der auf dem Cover nicht vermerkt war. Danach waren einerseits die finanziellen Mittel von I Hate Music erschöpft, andererseits der Berg guter Songs so angewachsen, daß die weiteren geplanten Singles »75 poem« und »we believe in nothing« wieder aus dem VÖ-Plan gestrichen wurden.

Statt dessen stellte die Band in Eigenregie das Album »burn future burn we love your face« fertig, das nach einigen Verzögerungen im März 1998 auf dem Independent-Label TUG Records erschien. Neben zwei Songs von den Singles enthielt es eine Neuaufnahme von »electric city« (ohne Staubsauger-Finale) und zehn ganz neue Songs, die auch die Entwicklung der vergangenen eineinhalb Jahre dokumentierten: Zwischen dem knisternden Minimalismus von »electric city«, der Punk-Explosion »the ice storm«, der Pop-Melancholie von »living in empty houses«, »75 poem« und »i didn’t know«, der Angriffslust von »atlantic waves« und dem Glam-Rock-Skelett »teenage warhead« und Hymnen von nihilistischer Romantik wie »we believe in nothing« oder »white summer« lagen tatsächlich Welten. Dennoch klang das Album vom ersten bis zum letzten (na ja, nicht ganz bis zum allerletzten ...) Ton unverwechselbar nach dead city radio.

Die Presse reagierte (größtenteils) lobend bis euphorisch: »Eine laute, heftige Platte voller aggressiver Popmelodien mit Ohrwurmqualitäten«, stellte ZILLO fest; der MÜNCHNER dagegen fand, »daß der bessere BritRockPop in diesem Fall aus München kommt«, und empfahl: »Weiter kein Blatt vor den Mund nehmen und eine noch größere Idiotenparade fürs verdummte Volk anzetteln.« Die ABENDZEITUNG erkannte »unüberhörbare Wave-Einflüsse«, und PRINZ faßte zusammen: »Pop, revolutionär, New Wave, beeinflußt und unbeeinflußt, sie grenzen sich von praktisch allem ab, was es an Musik gibt, und erinnern doch zugleich an vieles davon. An die Manic Street Preachers, oder The Clash. Ein rohes, ein rauhes Album, da kann man viel Theorie heraus- oder hineinhören, aber man kann auch einfach nur soliden Rock-’n’-Roll-Spaß haben.« »Let’s go on a perfect soundjourney and join the strange world of Dead City Radio«, empfahl MARGINAL MAIL, »one of the most innovative new bands. Intelligent, powerful music including excellent lyrics.« Oder ganz kurz in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG: »verdammt schöne Songs, melodiös und spannend arrangiert«. Ebenso knapp IN MÜNCHEN: »Situationistisch-revolutionärer Wahnsinn mit New-Wave- und Pop-Einflüssen.« »Mehr davon!« forderte JOY. Lediglich der MUSIKEXPRESS hörte »sprödes Lärmen rund herum ums Nichts« und meinte: »Verkannt, aber nicht halb so verkommen, wie es gerne wäre, zeigt sich das Quartett geübt im Abweisen gängiger Kategorisierungsversuche.« Ein Mißverständnis: Was immer unter »verkommen« zu verstehen sein sollte, gehört auf jeden Fall in die Ramschkiste ausgelutschter Rock-Formeln, mit denen dead city radio nicht das geringste zu tun haben wollen.

Live präsentierte sich die Band kurz, knapp und prägnant, spielte selten über 40 Minuten (meistens eher kürzer, der Rekord liegt bei zwei (!) Minuten), verzichtete auf Choreographie, große Gesten, Ansagen der Songs und Animation des Publikums. »Alles, was wir sind und wollen, ist in der Musik«, sagte Michael Sailer. »Wer Entertainment und Inszenierung erwartet, ist auf der falschen Veranstaltung.« Die Begeisterung (oder Befremdung) gab dead city radio (meistens) recht, zumal mit dem gelegentlich gespielten Bowie-Song »Heroes« ein idealer Show-Stopper gefunden wurde. Gelegentlich – denn Zugaben sind nicht an der Tagesordnung: »Wir wollen uns nicht aufdrängen. Nichts ist schrecklicher als die künstlich angeheizte Begeisterung bei vielen Pop-Konzerten, die zwei Stunden langweilig dahinplätschern und dann noch um eine Zugabe nach der anderen verlängert werden, damit die neue Single besonders gut im Gedächtnis bleibt, egal ob jemand Zugaben will oder nicht.«

Im Winter 97/98 verschwand Gitarrist Ora zunächst spurlos, tauchte dann als Tournee-Fahrer für verschiedene Jazz-Bands wieder auf und mußte sein Engagement bei dcr daher auf sporadische Live-Auftritte beschränken. Keine sehr befriedigende Situation. Zu dritt nahmen Sailer, Vale und Wompl einen schnell wachsenden Fundus neuer Songs auf und beschlossen, aus der Not eine Tugend zu machen und künftig auch live als Trio aufzutreten. Ein »Debüt-Gig« im Club »Subkultur« im Juni 1998 bestätigte diesen Weg, der nichts mit persönlichen (oder »ideologischen«) Differenzen zu tun hat: Ora, der im Herbst 1990 zu den damaligen Comics kam, ist nach wie vor mit den drei anderen befreundet, am Side-Projekt The Narcotic Brothers beteiligt und wird möglicherweise auch in Zukunft hin und wieder auf dcr-Aufnahmen zu hören sein.

Im Herbst 1998 wurden die Pläne für eine Sammlung aller B-Seiten, Samplertracks und unveröffentlichten Aufnahmen seit Anfang 1996 unter dem Titel »our arsenal« zurückgestellt und statt dessen mit der losen, sporadischen Arbeit an einem neuen Album begonnen. Als erstes Ergebnis erschien am 4. Februar 1999 die EP »utopia« mit sechs Songs: »utopia«, »second second second minute«, »sleep no more« und »below your city your city below« kamen der ursprünglichen Idee von dcr näher als mancher »traditionelle« Song auf dem ersten Album. Im Sommer 2000 war das Album »everything is so beautiful« (so gut wie) fertig – erschien aber nicht oder nur in "Handarbeit" und Kleinstauflage für einige Freunde. 26 Songs wurden aufgenommen, 13 davon schafften es auf die Platte, einige andere landeten auf Samplern. Die meisten Tracks sind sehr kurz und erinnern (nicht nur dadurch) an die frühen Zeiten der britischen New Wave 1976/77. Daneben gibt es aber auch die fast sieben Minuten lange Nummer »abandoned on the expressway«, die mit drei Baßgitarren eingespielt wurde, die hymnische Single-to-be »out there (the loveless europeans)«, die im Sommer und Herbst 2000 wochenlang die Charts diverser MP3-Sites anführte, und eine Acht-Plus-Minuten-Version von »Heroes«, aufgenommen über ein einziges Walkman-Mikrophon (übrigens beim ersten Versuch überhaupt, den Song zu spielen). Zu den überraschenden Referenzen gehört auch Sailers erste Band Tollwut (von 1978 bis 1982 Pioniere des deutschen Punk), von der zwei Songs umgearbeitet und mit neuem Text versehen wurden.

Daß es dank Bands wie Elastica, Placebo, Dream City Film Club oder JJ72 zur gleichen Zeit wieder modern wurde, Namen wie Wire, PIL, Siouxsie & The Banshees, Ultravox!, Magazine, die frühe Progressive-Glam-Szene um Roxy Music und futuristische Kraut-Rock-Außenseiter wie Neu! zum Repertoire angesagter Einflüsse zu zählen, war, was dead city radio angeht, Zufall. »Wir sind nicht von modernen Bands beeinflußt«, stellt die Band fest, »weil sie, so gut sie auch sein mögen, das, was Leute wie Wire und Magazine früher gemacht haben, höchstens gut imitieren. Wir sind auch nicht von alten Bands beeinflußt, weil sie das, was wir wollen, höchstens angedeutet haben.«

Im Sommer und Herbst 2000 waren dead city radio sehr sporadisch live zu sehen. Die Produktion von »everything is so beautiful« war ein schwieriger, erschöpfender Prozeß – das Album ähnelt in manchem dem dritten Manic-Street-Preachers-Album »The Holy Bible« –, durch den vieles, auch personell, in Bewegung geriet: »Wenn Leute in unserem Alter so intensiv an einer Sache arbeiten und dabei wissen, daß das Ganze höchstwahrscheinlich sowieso nicht erscheinen wird, dann hat man danach erst mal genug und geht sich aus dem Weg.« Hinzu kam die Unlust, sich mit dem fertigen Album erneut auf die Bettel-Tour von Firma zu Firma zu machen oder von Jugendzentrum zu Jugendzentrum zu tingeln – der Sampler-Beitrag »i just wait« war wörtlich zu verstehen. Das letzte hörbare Lebenszeichen der Band waren der Track »es geht los« auf dem 2001 erschienenen Tribute-Sampler »Günther Koch Revisited«, an dem sich unter anderem die Sparks, Sportfreunde Stiller und FM Einheit beteiligten, und ein Auftritt bei einem Festival des Punk-Fanzines KRUZEFIX im Feierwerk (zur Vorstellung des Samplers »Punk Over Munich«, zu dem dead city radio »22nd century« beisteuerten). Dann widmeten sich Vale und Wompl ihren wachsenden Familien, Wompl lebte nebenbei seine Spiellust mit der Band Shit, Shave & Shower aus (deren Sänger und Gitarrist Ollei seit einiger Zeit ebenfalls bei dcr mitspielt), während Sailer mit der Tollwut-Retrospektiv-CD »Amok 1977 – 1999« die Vergangenheit aufarbeitete, seine Business-Verweigerung mit dem komplett antikommerziellen und obskuren Projekt V2 Schneider auf den Punkt brachte und sich außerdem als Schlagzeuger der Gruppe Born Bavarian betätigte.

Während der Arbeit an der Tollwut-CD äußerte Charlie Reutter von Schlecht & Schwindlig Schallplatten Interesse am zweiten dcr-Album, gleichzeitig boten auch Katz Seger und Olli Nauerz (Aggressive Rock) ihre Mitarbeit an. Obwohl allen Beteiligten klar war (und ist), daß das Projekt kommerziell nicht einträglich (sondern eher das Gegenteil) sein würde, war man sich einig, daß die Platte zu gut ist, um sie in der Schublade einer Baracke in Oberföhring vergammeln zu lassen.

Vielleicht wird sich davon auch ein Teil der restlichen Welt überzeugen lassen. Es hat länger gedauert als geplant, aber im Januar 2003 erschien »everything is so beautiful« - größtenteils neu abgemischt - endlich doch noch. Das Echo in der Presse war knapp, aber prägnant; so hatte etwa die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG das Album schon vorab in ihre Liste der »Platten des Jahres« aufgenommen; auch in anderen Zeitungen waren begeisterte Berichte vom »Präsentationsauftritt« im Münchner Orangehouse zu lesen.

Und weiter? Man hörte, die Band habe sich »in letzter Zeit wieder gelegentlich getroffen« und wolle in naher Zukunft »etwas« machen. Erstes, noch unveröffentlichtes Ergebnis ist ein Beitrag zu einem Tribute-Album für den im Dezember 2002 verstorbenen Clash-Gründer Joe Strummer: Für das von der Londoner Band Conflict organisierte Projekt, an dem sich u.a. auch die Manic Street Preachers und Billy Bragg beteiligen wollen, nahm die Band den Clash-Song »The Prisoner« neu auf. Und gleichzeitig stellte Sailer mit V2 Schneider deren erstes »offizielles« Album mit dem einigermaßen vielversprechenden Titel »und in ihren Augen der Glanz der sterbenden Städte Europas« fertig, das noch im Herbst 2003 die Musikwelt aufmischen soll.

Dann, nach einigen Festivalauftritten im Sommer, machte das Gerücht die Runde, dead city radio wollten nach der langen Prozedur mit »everything is so beautiful« ein neues Album aufnehmen - diesmal schnell, ruppig und ohne viele Produktions-Eskapaden. Zur Auswahl stünden um die zwanzig Songs, die Arbeit solle im September beginnen, und sogar ein vielversprechender (aber vorläufiger) Titel war bereits zu erfahren: »flashdrone«.

Was sich weiter tut? Warten wir's ab.

Svevo Bandini