Interview mit www.volumetv.at
(Martin Zellhofer, März 2005)

Wer sind Dead City Radio und welche Musik kann man sich von ihnen erwarten?

Dead City Radio sind drei bis vier (früher vier, lange Zeit drei, jetzt wieder gelegentlich vier) Leute, die seit vielen Jahren persönlich befreundet sind und deshalb zusammen Musik machen. Nein, umgekehrt. Oder beides. Wie auch immer man die Musik nennen möchte, die dabei entsteht - sie ist in jedem Fall recht verschroben, weil wir zwar auch viel Musik hören, uns aber erstens sehr schnell langweilen und sowieso eine ziemlich sture Neigung haben, Anklänge an anderes zu vermeiden, und zweitens eine ähnliche Sturheit und historische Gegebenheiten dazu geführt haben, daß wir unsere Instrumente größtenteils nie "richtig" spielen gelernt haben. Die "Ersatztechniken", die man sich so im Laufe der Jahre aneignet, bestimmen dann das weitere Spielen. Heraus kommt (laut verschiedenen, kompilierten Einordnungen von außen) eine Melange aus "Rebel Rock und New-Wave-Dekadence, Rock'n'Roll und Experiment, Lärm und Melodie, Romantik und Gewalt".

Wer ist dabei: Name, Spitzname, (Alter)

Michael "The" Sailer - Gesang, Gitarre und anderes; "Tall" Vale - Baß, Gesang und anderes; Stefan "Wompl" Wall - Schlagzeug, Gesang und anderes; Panos Mylonas - Gitarre und anderes (alle ein gutes, teilweise ein ausgezeichnetes Stück über 30)

Woher kommen die Mitglieder bzw. die Band?

Alle aus München: zweimal Schwabing, einmal Johanneskirchen, einmal Isarvorstadt (neuerdings allerdings Zorneding bei München). Das Studio der Band steht in Oberföhring an der Münchner Stadtgrenze, wo man Lärm machen kann, ohne jemanden zu stören: Nebenan ist ein Gehörlosenzentrum und die Autobahn.

Gegründet wann / wie zueinander gefunden / woher kennt ihr euch?

Die Band gibt es seit Frühjahr 1996, aber eigentlich schon länger. Sailer und Vale spielten seit 1992 bei der Band The Comics, zusammen mit Thomas Auer, der (Achtung, jetzt wird es wirr!) 1990 Panos Mylonas als Gitarrist ersetzt hatte (den wiederum hatte Sailer 1987 bei einem gemeinsamen Job als Garderobier im Tanzlokal Größenwahn kennengelernt und in die Band geholt). Nach dem letzten Comics-Album "I Have Nothing To Offer The World But My Own Confusion" und zwei Tourneen mit den Manic Street Preachers und Dead Moon hatten alle drei vom epigonalen und entfremdeten Rock der Band genug, und da 1995 sowieso der Schlagzeuger spurlos verschwand (gerüchteweise in eine Landkommune in Südengland), gründeten sie eine neue, um musikalisch bei Null anzufangen. --- Einwurf von Wompl: "Mich hat der Vale irgendwann mal angerufen und gefragt, ob ich nicht mal 'vor'-trommeln will. Die Comics waren mir schon ein Begriff, und da hab ich ja gesagt. Als ich dann am Ü-Raum ankam, war der Vale noch nicht da. Don Saili fragte mich, ob ich denn der sei, der zum Trommeln kommen wollte. Ich sagte, der sei ich. Und da war er recht enttäuscht, weil er eigentlich viel lieber jetzt wieder zum Baden oder nach Hause geradelt wäre, anstatt den schönen Sommertag im Proberaum zu verbringen." --- Die drei "Alten" und der neue Schlagzeuger spielten noch ein paar letzte (vertraglich vereinbarte) Comics-Gigs und fingen dann wie geplant bei Null an, was eine sehr lustige Sache war, weil "mit Gewalt" alles vermieden wurde, was sich irgendwie nach etwas anderem (Zitat, Einfluß, Vorgabe, bekannte Strukturen, Stilmittel etc.) anhörte (für jedes Blues-Lick fünf Mark in die Bierkasse). Das Ziel waren keine Songs, sondern am besten "einminütige, monotone, mechanische Abläufe" - aber mit der Zeit wurden es halt doch wieder Songs, wenn auch keine "gewöhnlichen". Thomas Auer verschwand im Winter 1997/1998 ebenfalls (zunächst) spurlos - es stellte sich dann heraus, daß er mit dem Jazzer Brad Mehldau auf Tournee war (als Fahrer) - und gründete später seine eigene Band. Panos Mylonas studierte derweil in Wien Bildhauerei, lebte ein paar Jahre in Südtirol, kam um 2003 herum wieder nach München und spielt nun seit ein paar Wochen "wieder" mit (wenn er Zeit findet).

Bandname: Bedeutung, Entstehung

Der Name ist der Titel eines Gedichts von William S. Burroughs. Ein Zufallsfund beim Bücherblättern, hat sonst keine weitere Bedeutung - er hörte sich nur irgendwie gut und passend an.

Die Band - Geschichte

Oh, da haben wir ja nun schon ein bißchen was erzählt. Der Rest kurzgefaßt: 1997 sollten eigentlich vier EPs erscheinen, es wurden dann, weil das Geld ausging, aber nur zwei ("urban happiness revisited" und "atlantic waves"), im März 1998 kam bei TUG Records das Album "burn future burn we love your face". Leider wurde die Firma Eastwest, die die Platte vertrieb, bald darauf von Universal geschluckt, wobei die Preßwerkzeuge und Druckvorlagen verlorengingen, so daß die Platte nicht mehr lieferbar ist. Noch 1998 begannen wir mit der Arbeit am nächsten Album, was sich wegen Thomas Auers Ausstieg und diversen anderen, auch familiären Gründen - unter anderem insgesamt vier Hochzeiten, eine Scheidung und vier Kinder - bis 2002 hinzog. Während der Zeit erschienen immer mal wieder ein paar Beiträge zu Compilations (die findet man unter discography); das Album wurde immer mal wieder neu gemischt; dann kam zwischendurch auch noch ein neuer Gitarrist (Ollei; ca. zwei weitere Kinder) dazu, der aber nach kurzer Zeit wieder aussteigen mußte, weil er eine Hauptrolle in einer Sat-1-Serie annahm, - und Anfang 2003 erschien endlich das zweite Album "everything is so beautiful" (diesmal bei Aggressive Noise und S&S Records, weil wir beiden freundschaftlich verbunden sind und uns nicht entscheiden konnten/wollten). Nicht verschweigen sollte man auch ein paar persönliche "Differenzen", wie man das so sagt, die mit dazu beitrugen, daß die Arbeit am dritten Album erst im Herbst 2004 losgehen konnte. Da sind wir nun mit dem neuen Mann Panos (ca. zwei weitere Kinder) dabei.

Habt ihr vor Dead City Radio schon anderwärtig Musik gemacht?

Ja, eine ganze Menge. Sailer hat mit 14 die Punkband Tollwut gegründet (aus der später The Comics wurden), nebenher bei Marionetz, Nulltarif, Wozu Rosa, Tilt!, Born Bavarian u.a. gespielt. Vale war früher Bassist in diversen Rock'n'Roll-Bands, Wompl bei The Limiters, Crackbabies, FoxForceFive, Scheinasyl & die Wirtschaftsflüchtlinge, Shit Shave & Shower und einigen anderen. Heute spielt Sailer auch noch bei V2-Schneider und Wompl bei Omat.

Musikrichtung (Selbstbeschreibung)

Laut. Oder leise (aber nicht mittel). Schwer in Worten zu beschreiben (wenn das gelänge, wäre es ein Grund, die Richtung zu ändern). Letztlich kann oder muß man wohl Rock dazu sagen. Oder Pop (aber nichts dazwischen). Manche sagen Punk. Na ja, jeder wie er mag.

Vorbilder/Einflüsse

Keine Vorbilder, aber enorm viele (wenigstens zeitweise) Einflüsse und (wenigstens zeitweise) bevorzugte Bands, von denen man allerdings in unserer Musik meistens gar nichts oder nur zeitweise etwas merkt: The Clash, Wire, Magazine, Suede, Neu!, Placebo, PIL, Morrissey, Gay Dad, XTC, Siouxsie & The Banshees, Can, Gang of Four, Velvet Underground, Cockney Rejects, The Libertines, Oneida, The Futureheads ... und andere.

Was ist Eigenes dran?

Die Musik, die Texte, die Spielweise, das ästhetische Gedanken- und Gefühlsgut. Und die Menschen, natürlich.

Wie entstehen Songs?

In den allermeisten Fällen spontan: Wir spielen drauflos, lassen das Band mitlaufen, hören uns die Sachen danach an und arrangieren das, was uns gefällt, je nach Bedarf. Die meisten Sachen werden dann, weil wir recht vergeßlich sind und "rohe" Versionen meistens spannender klingen, ziemlich schnell "richtig" aufgenommen und erst im nachhinein je nach Lust wieder gespielt und "ordentlich" geprobt. Für das dritte Album gibt es momentan ungefähr 400 Minuten Musik, etwa 120 Songskizzen, die auf Durchhören, Auswahl, Zuschnitt usw. warten. Ganz selten kommt auch jemand mal mit einem fertigen Song daher, der ihm meistens während dem Radlfahren ins Studio eingefallen ist. Am Ende kommen dann die Texte, die meistens assoziativ entstehen bzw. entstanden sind: ein Titel, ein Bild, viele Notizzettel, auf denen einzelne Wörter, Sätze, Zitate, Slogans, Verse stehen und die kombiniert werden. Und schließlich fliegt alles raus, was nicht richtig "fertig" geworden ist; manchmal (aber eher sehr selten) wird daraus viel später noch was.

Inhalte der Nummern + wieso gerade das?

Das ist bei jedem Song verschieden. Die allermeisten Songs sind Ausdruck von in Bildern konkretisierten Stimmungen, empfundenen Situationen und Situationsempfindungen; manchmal dienen Slogans zur Öffnung oder Abrundung. Schwer, das auszudrücken, aber ist ja auch logisch: Wenn man den Inhalt eines Songs anders ausdrücken könnte als mit dem Song selbst, wäre der Song irgendwie überflüssig.

Wer in der Band macht Texte, Musik?

Musik: alle, wie vorhin beschrieben. Texte fast immer Michael Sailer.

Englisch - deutsch - wieso?

Wir singen praktisch nur englisch, das ist so eine Art "poetische Gewohnheit" - deutsche Texte passen von der Musikalität der Sprache, vom Klangbild der Wörter und ihrer Kombinationen her fast nie zur Musik von Dead City Radio. Funktioniert auch rück- und wechselwirkend auf die Musik. Wenn ich deutsche Texte schreibe, passen sie meistens zu V2-Schneider. Aus der momentan (mal wieder) aufgekochten Diskussion über spezifisch "deutsche" Musik, ihre Bedeutung, Förderung etc. möchten wir uns möglichst absolut heraushalten. Da wir keine kommerziellen Absichten verfolgen, sind wir davon glücklicherweise auch nicht betroffen.

Was steht dahinter - was motiviert euch, Musik zu machen?

Reine Lust. Einerseits am Ausdruck und der ästhetischen Gestaltung (könnte man "künstlerische Motivation" nennen), andererseits an Verausgabung und Lärm (könnte man "Vandalismus" nennen). Außerdem ist es im Grunde so, daß es die Musik, die wir wirklich hören wollen, nicht gibt. Also müssen wir sie selber machen. --- Einwurf von Wompl: "Sex & Drugs & Rock'n'Roll!"

Auf der Homepage erwähnt ihr eine Reihe von Eigenschaften, die auf euch, eure Musik oder Texte nicht zutreffen. Da heißt es u.a. ihr seid nicht schnörkellos, professionell, treibend, bretthart, groovig, fetzig, klassisch, in bester Tradition, erdig, eingängig, locker, flockig, knackig, rockig, ehrlich, virtuos, engagiert, kompromißlos, druckvoll, eigenständig, ausgereift, usw. Wie seid ihr dann? Mit einigen dieser Begriffe bedachte ich euch nämlich beim Hören eurer CDs.

Das war bloß eine Reaktion auf die Lawine von Phrasen, mit denen man (d.h. meistens Leute, die beruflich oder halbberuflich über Musik reden und schreiben müssen oder zu müssen glauben) Musik beplappert und verschüttet, weil man die Anstrengung scheut, sich mit ihr zu befassen, d.h.: sie einfach nur zu hören, oder weil man vor der schwierigen Aufgabe steht, das Publikum (oder sagen wir: den "Markt") für eine bestimmte Band interessieren zu müssen, obwohl der "Markt" gar keinen Bedarf nach noch einer Band hat. Was alles (hoffentlich) nicht heißt, daß unsere Musik "schwer" ist oder daß es Mühe macht, sie zu hören (obwohl, manchen Leuten könnte es schon so gehen). Sondern nur, daß es besser wäre, beim Musikhören zu schweigen und zuzuhören. Und wenn man etwas dazu sagen möchte, sollte man keine leeren Phrasen verwenden. Musik, auf die solche Klischees passen, besteht oft selber aus Klischees und/oder zusammenmontierten Stücken von Vorlagen mit dem Zweck, Nachfrage zu bedienen und Verkäufe zu generieren. Und diesen Eindruck möchten wir gerne auch wörtlich und von vornherein vermeiden. Daß einige der Adjektive unter Umständen trotzdem passen könnten, ist freilich nicht zu vermeiden: Sie bedeuten ja meistens nichts. Oder alles.

Ihr meint, im Gegensatz zu dem Musikstil, der ununterbrochen und immer wieder gekaut die musikalische Gegenwart ausmacht, hat eure Musik keinen Platz und keine Aufgabe. Ist das nicht ein wenig selbstherrlich? Schließlich gibt es eine "Szene" die sich genau und ausschließlich "solche" Musik anhört, dazu tanzt und feiert und diese - über die übliche Konsumation hinausgehend - auch zur Identifikation verwendet.

Selbstherrlich hoffentlich nicht, das wäre sehr unangenehm (und völlig unangemessen bei einer Band, die, an normalen Maßstäben gemessen, so gut wie keine Platten verkauft). Eher umgekehrt: Unsere Musik ist keine Ware; sie hat keinen Platz in Einordnungssystemen, Marktsegmenten und Trendstrategien, und sie hat nicht die Aufgabe, etwas Bestimmtes zu verkaufen, zu vermitteln, zu befördern, unterstützen, ergänzen, erweitern, festigen, untermauern, auszulösen usf. oder auch nur irgendwo dazuzugehören, d.h.: uns als Band oder als Menschen Zugang oder Zugehörigkeit zu irgendwas zu verschaffen. Wir sind Menschen, die Musik machen, sonst nichts. Unsere Musik ist ausschließlich Ausdruck von uns selbst, von dem, was wir sehen, denken, fühlen, erleben. Wenn sie anderen Menschen gefällt, ihnen etwas gibt, sie berührt, ist das wunderbar und sehr sehr schön - aber es ist nicht das Ziel, sondern eine Wirkung. Vielleicht hat das mit unserer eigenen Einstellung zu anderer Musik zu tun, die manchmal recht streng ist: Wenn man spürt, daß eine bestimmte Musik etwas erreichen soll oder einem bestimmten Ziel dient, erzeugt das einen sehr ernüchternden Eindruck von Eindimensionalität und Belanglosigkeit. Außer es sind sehr simple und irgendwie aufrichtige Ziele oder/und Botschaften, um die es geht, dann funktioniert es wieder, zum Beispiel bei kubanischen Revolutionsliedern und englischen Hooligan-Schlagern. Die haben dann auch einen Platz und eine Aufgabe, aber so viel Bedeutung und Wirkung wollen und können wir uns nicht anmaßen. Aber vielleicht war das jetzt alles viel zu kompliziert ausgedrückt. Im Grunde geht es nur darum, daß wir machen wollen, was wir wollen, ohne uns darum zu kümmern, ob es irgendwo hineinpaßt oder dazugehört.

Auf euren Booklets stehen mitunter Zitate, wie "I think when I was 16, I thought everything would blow up by the time I´d be 20" (Sylvain Sylvain). Spiegeln diese Zitate eure Einstellung zu Musik und Lebenseinstellung wider?

Sie sind ein Teil des jeweiligen Songs bzw. der jeweiligen Platte, die/der immer aus Musik, Text, Bildern, Titel und manchmal auch anderen Elementen, etwa Anspielungen, Bezügen, Querverweisen und so was besteht, die sich im günstigsten Fall zu etwas Gesamten verbinden, das sie gleichzeitig in verschiedene Richtungen öffnen, in die man weiterdenken und assoziieren kann.

Auch Textfetzen sind da zu finden. "We hate you more than you hate us ha ha". Selbstironie? Oder bloß ein Scherz?

Kein Scherz, vielleicht (auch) selbstironisch, aber vor allem der Kernsatz des Textes von "atlantic waves". Das war in diesem Moment so gemeint, auch wenn ich (wie das meistens so ist) nicht mehr weiß, was der tatsächliche Anlaß war und ob es überhaupt einen gab. Haß ist ein starkes Gefühl, und Indifferenz ist etwas sehr Frustrierendes. Wenn man sich mit den Funktionsstrukturen der heutigen Welt auseinandersetzt, kann man zum Beispiel zu dem Schluß kommen, daß die grundlegende Triebfeder kapitalistischer Gesellschaftssysteme der Haß ist, der uns aus jeder Äußerung der systembestimmenden Personen und Apparate entgegenflutet: vom grellen Werbeplakat und dem Reklamebombardement im Fernsehen über martialische Kleidung und Kampfautos mit schwarzen Scheiben bis zu den dauernden Forderungen nach "Reform", Mobilisierung, Benachteiligung und Enteignung bestimmter Bevölkerungsteile (die in irgendeiner Hinsicht zu schwach sind, um sich dagegen zu wehren) beruht alles auf Haß und seinen diversen Ausprägungsformen, etwa Gier, Wettbewerb, Ab- und Ausgrenzung, Isolation. Vielleicht war das die generelle Motivation: "Wenn Haß alles ist, was ihr uns zu bieten habt, dann ist unser Haß auf jeden Fall größer, und wir lachen sogar noch über euch." Eine sehr primitive Einsicht und eine noch primitivere Reaktion, ich weiß, aber manchmal - oder: meistens - reagiert man halt sehr direkt und unmittelbar; das kann (besonders wenn Manipulationsstrategien so stark und wirksam sind, daß sie den Blick auf die tatsächlichen Zusammenhänge völlig vernebeln) befreiend wirken; in diesem Fall hat es uns vielleicht auch geholfen, den Haß zu überwinden. Slogans können, gerade weil sie selber in keinem konkreten Zusammenhang stehen, wie ein Schraubenschlüssel funktionieren, der verworrene Diskussionen auseinanderschraubt und die Einzelteile sichtbar macht. Und es ist, glaube ich, ein recht wirksamer Slogan: Noel Gallagher hat ihn mal gelesen und gemeint: "I'm gonna use it as a song title and make a million out of it. Then you're gonna hate me more than I hate you, ha ha." Genauso gern oder noch lieber mag ich die letzte Zeile von "urban happiness revisited", nach der unser erstes Album benannt ist: "burn future burn we love your face". Das ist so schön vieldeutig und trotzdem ganz simpel. Man kann es einfach darauf beziehen, daß unsere Gesellschaft zur Zeit von einem pathologischen Zukunftswahn bestimmt wird. Man kann auch was ganz anderes damit meinen. In jedem Fall ist es eine laute Antwort. Und noch lieber als unsere sind mir meistens Slogans anderer Bands: "under neon loneliness motorcycle emptiness" von den Manic Street Preachers zum Beispiel - man versteht das spontan, kann aber nicht in anderen Worten erklären, was gemeint ist. Jetzt aber Schluß, bevor ich mich da verfranse.

Thema Bekanntheitsgrad: Österreichische Bands haben oft das Problem, mit Hilfe des Radiosenders FM4 oder des Musiksenders GOTV zwar einen gewissen Bekanntheitsgrad zu erlangen, der sich öfters auch auf (vor allem) Deutschland ausweitet, aber dann ist der Plafond erreicht. Wie ist das bei euch? Ich muß gestehen, mir war Dead City Radio vor unserer zufälligen Bekanntschaft gänzlich unbekannt. Gibt es in Deutschland "unterstützende" Medien?

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Es ist als Musiker enorm anstrengend, sich über die Musik selbst hinaus auch noch um deren Verbreitung kümmern zu müssen. Und wenn man das aktiv versucht, kann es außerdem ziemlich entwürdigend und erniedrigend sein. Man stößt an grundsätzliche Grenzen: Zum Beispiel ist die Musikpresse ein fester, funktionaler Bestandtteil von Verwertungszusammenhängen, zu denen man als Musiker, der seine Musik nicht als Ware betrachtet, von vorneherein nicht gehört. Das muß man erst mal lernen und einsehen, weil man spontan und naiv denkt: Ich mache Musik, die berichten über Musik, also müssen sie über meine Musik berichten. Müssen sie nicht. Dürfen sie gar nicht. Es gibt ein paar Leute bei diversen Radiosendern, die man ansprechen könnte, aber das hieße erfahrungsgemäß immer, daß man sich irgendwie anpreisen oder anbiedern muß, daß man Kontakte knüpfen, bestimmte Sprachen sprechen, sich in Machtverhältnisse hineinwühlen und der Eitelkeit gewisser Leute schmeicheln muß. Bei dieser Beschreibung ist jetzt viel Übertreibung dabei und Frustration, die sich im Lauf der Jahre angesammelt hat. Aber irgendwann stellt man fest, daß es einem besser geht und daß man eine sehr angenehme Gelassenheit empfindet, wenn man sich um seinen Bekanntheitsgrad einfach gar nicht mehr kümmert. Ich muß dazusagen, daß ich seit zehn Jahren Musikjournalist bin und dadurch solche Sachen besonders oft und stark erlebe, weil ich es von beiden Seiten mitkriege, vor allem die wunderbare, hoffnungsfrohe Naivität vieler Musiker (das meine ich ganz und gar nicht ironisch!) und die zynische Mechanik der Verbreitungsindustrie. Ich weiß nicht, ob ich darüber froh sein sollte; manchmal wünschte ich, es wäre nicht so, dann wäre vielleicht aus der Band ganz was anderes geworden. Andererseits bin ich sehr froh und zufrieden mit dem, was aus der Band geworden ist.

Legt ihr überhaupt Wert darauf, bekannt zu werden? Auf eurer Homepage sind keine Termine angekündigt, ein einziges Konzert im Sommer 2004 wurde abgesagt. Geplante Geheimniskrämerei, Faulheit oder bewußte Marktverweigerung?

Das hat den gleichen Grund. Es gibt in den letzten Jahren immer weniger Orte, wo man spielen kann, und fast immer muß man als "nicht angesagte" Band dafür Dinge tun, die dem Betteln schon sehr nahekommen. Wenn man sich dann zum vierten Mal für ein bestimmtes Festival "bewirbt" und nicht mal eine Antwort bekommt, während sich der Veranstalter bei jeder Gelegenheit an einen ranwanzt, weil man Journalist ist und doch bitte diesen oder jenen von seinen Acts "featuren" möge - dann empfindet man irgendwann einen großen Ekel vor diesen Leuten und weitet den unbewußt auf andere Leute aus, die ihn oft oder meistens gar nicht verdient haben. Damit macht man sich natürlich vieles zunichte und kaputt, andererseits ist man, pathetisch gesagt, mit sich im reinen. Außerdem gibt es bei den Gelegenheiten, wo man doch spielen kann, oft sehr unangenehme Begleitumstände: Man steht um zwei Uhr nachmittags auf einer LKW-Ladefläche, umgeben von Reklameplakaten, spielt nach ein paar Crossover-Typen und vor einer Elvis-Coverband und muß sich dann von den Veranstaltern auf die Frage nach einer Gage sagen lassen, man solle doch froh sein, daß man sich überhaupt mal "präsentieren" dürfe. Ach nein, das klingt jetzt zu arrogant und übertrieben. Abgesehen von allem anderen spielen wir sehr sehr gerne live, vielleicht nächstes Jahr wieder mehr.

Oder betrachtet ihr die Band bloß als zufälliges Ergebnis, als Ventil, euch auszudrücken - ohne damit wesentlich Erfolge einfahren zu wollen?

Nicht als Zufall (obwohl, lebensgeschichtlich gesehen doch), nicht als Ergebnis, sondern als gemeinsames Projekt, bei dem es tatsächlich nicht darum geht, Erfolge im gängigen (heißt: kommerziellen) Sinn zu haben. Erfolg ist, wenn ein Song funktioniert, wenn eine Platte rundum paßt. Zusätzlicher Erfolg ist, wenn das, was wir tun, anderen Leuten gefällt. Um davon zu träumen, mit Musik Geld zu verdienen, sind wir glaube ich zu alt, und dafür fehlt uns auch die Bereitschaft, uns auf die dazu nötigen Mechanismen einzulassen. Bevor ich bei "Wetten daß?" auftrete, arbeite ich lieber wieder am Hauptbahnhof als Lagerist, ganz ehrlich. Und berühmt zu werden hat uns noch nie gereizt, weil es so viele negative Folgen hat und keine positiven - außer Geld, aber was soll's: Wir haben, was wir brauchen. Ich persönlich bin ein ziemlich, na ja, "scheuer" Mensch; ich gehe nicht gern hin, wo viele Menschen sind, und ich empfinde "Events", spektakuläre Inszenierungen, Sensationen usw. - weiß nicht, wie ich das richtig sagen soll - als unangenehm. Vielleicht hat das auch wieder mit dem Musikjournalismus zu tun, wegen dem ich früher sehr oft in solche Sachen hineingeraten bin. Keine Ahnung. Ich lebe und arbeite am liebsten im stillen vor mich hin.

Die Downloads auf eurer Homepage sind kostenlos, was eurer Statistik zufolge rege genutzt wird. Und ihr betont extra, nicht darüber nachzudenken, ob man damit Geld machen könnte. Nachgedacht müßt ihr aber in diese Richtung haben, sonst würdet ihr es nicht erwähnen. Glaubt ihr, daß HörerInnen bezahlen würden oder meint ihr eher - so wie ich es sehe - daß potentielle Hörer dann drauf verzichten würden, Dead City Radio überhaupt zu hören?

Ich weiß nicht; ich gehe mal von mir aus und denke, die meisten würden nichts dafür bezahlen wollen. Darüber nachgedacht haben wir aber wirklich nicht, die Bemerkung war ironisch gemeint. Wenn Leute unsere Musik hören wollen, sollen sie sie hören. Es kostet uns ja auch nichts, sie ins Netz zu stellen, wieso sollten wir also was dafür verlangen? Andererseits: wenn wir Platten machen, kostet das Geld. Da ist es schön, wenn die Kosten wieder reinkommen, sonst hungern die vielen Kinder.

Zukunftspläne? Im Sommer habt ihr verlautbart, an einem neuen Album zu arbeiten. Wann wird das erscheinen? Wird es regulär auch in österreichischen Plattenläden erhältlich sein?

Schwer zu sagen, wie lange das noch dauert (unsere früheren Prognosen waren fast immer total falsch, da sind wir lieber vorsichtig). Ich denke, wenn mir mit dem Studioumbau fertig sind, werden wir im Sommer die ganzen Skizzen usw. mal durchhören und entscheiden, was aufgenommen wird. Dann wird aufgenommen - langsam, sporadisch, in Strecken, je nach Stimmung - ich hoffe (!), daß die Platte im Spätherbst fertig ist. In "großen" Plattenläden wird es sie wahrscheinlich nicht geben (weil die an Ketten hängen, die erstens zu Plattenkonzernen gehören und zweitens das Personal inzwischen so weit reduziert haben, daß Kleinauflagen von Kleinlabels generell nicht mehr ins Programm genommen werden, weil da schon der Bestellvorgang zu aufwendig wäre). Aber in kleinen, feinen Läden bestimmt - wenn unsere rührigen Labelleute die entsprechenden Ansprechpartner finden. Und eben im Internet. Unsere weiteren Zukunftspläne hängen auch nicht unwesentlich davon ab, ob die Stadt München beschließt, das musikalisch-künstlerische Biotop, in dem wir und viele andere Bands mit unserem Studio in Oberföhring leben, weiterhin zu dulden (obwohl es keine "Erfolge" bringt, im kommerziell-finanziellen Sinn - da haben wir's wieder) oder das ganze Gelände lieber anderen (oder überhaupt) "Zwecken" zuzuführen. Das ist zur Zeit alles ziemlich unsicher und dramatisch. Alternativen gibt es kaum: Gewöhnliche Übungsräume sind in München teurer als Luxuswohnungen (was wohl auch der Grund dafür ist, daß es so wenig Musik gibt, die keinen kommerziellen Zielen verpflichtet ist). Aber darüber denken wir so wenig wie möglich nach; es wird sich schon alles irgendwie finden.

Werden wir euch mal hier in Österreich zu sehen bekommen?

Sehr gerne.

Wollt ihr noch irgendwas loswerden?

Unseren aufrichtigen Dank für Euer Interesse. Einen bescheidenen Hinweis auf unsere Webseite (und hier selbstverständlich eure: www.volumetv.at). Und liebe Grüße.