Interview (7. April 1998)

Warum singt ihr englisch?

Eine alte Frage, die noch niemand beantworten konnte, weil sie vielleicht falsch gestellt ist. Ich schlage eine andere Frage vor, in der sie enthalten ist: Warum macht ihr englische Musik? Doch kann ich auch diese Frage nicht beantworten.

Ihr zeigt auf eurem Debüt-Album zwar musikalisch deutliche Nähe zu The Clash, textlich allerdings sind Dead City Radio bei weitem nicht so politisch. Mein Eindruck: sehr viel assoziativer und auch persönlicher. Man könnte auch sagen: verschwommener. Um was geht es in den Texten? Vielleicht am Beispiel von »Atlantic Waves«?

Wie es in der Musik immer nur um die Musik geht, geht es in einem Text immer nur um den Text. Herausfinden zu wollen, ob ethische, ästhetische oder politische Ansprüche darin enthalten sein könnten, ist ein falscher und zudem langweiliger Ansatz: das Ergebnis bleibt oberflächlich (und verschwommen: als versuchte man, durch die Wellen des Atlantik die Botschaft des Meeres zu erkennen). Und zwar um so mehr, je konkreter man wird. Ich empfehle: lesen bzw. zuhören. Was dem inneren Auge des Hörers oder Lesers dabei entsteht, ist eine ganz andere Sache, die mit seiner eigenen Erinnerung zu tun hat. Um konkret zu werden (womit ich aber auch ein ganzes Stück abschweife), möchte ich dir zwei Beispiele aus der Literatur geben: Es besteht die Möglichkeit, Shakespeares »Hamlet« (unpsychologisch und bildfrei) zu deuten, indem man den Namen von hinten liest und so die ursprüngliche Form des Namens Telemachos, nämlich Telmah, entdeckt. Das führt zu reinem Unsinn und weit an der Geschichte vorbei. Andererseits existieren ganze Bibliotheken voller psychologischer Deutungen und anderer Dummheiten über Franz Kafkas »Verwandlung«, und niemand fragt sich, warum Gregor Samsa nicht durch das Fenster seines Zimmers hinausfliegt, wozu die Käferart, der er nach seiner Verwandlung angehört, nämlich in der Lage ist. Generationen amerikanischer Studenten waren aufgrund eines Übersetzungsfehlers der Meinung, Samsa sei eine Küchenschabe. Statt sich die Mühe zu machen, dies zu überprüfen, verfaßten sie Hekatomben von pseudo-wissenschaftlichem Schwachsinn, um der Mühe aus dem Weg zu gehen, sich ohne Hilfsmittel, Schablonen und gezielte Erwartungen (»Was sagt er über die Atombombe?«) mit der Sache zu beschäftigen. Sprache ist übrigens nicht nur ein akustisches, sondern auch ein optisches Problem. Es gibt Texte, die nur gedruckt gut sind. Die sind in unserem Fall (um vorsichtig wieder in die Umgebung von Dead City Radio zurückzukehren) nicht auf der Platte. Und es gibt Texte, die nur gesungen etwas bedeuten (möglicherweise). Die sind nicht abgedruckt. Aber vielleicht kann ich der erhofften Antwort näher kommen: Ich liebe Sätze wie »We hate you more than you hate us« (aus »Atlantic Waves«), weil ich sie in anderen Wörtern nicht erklären kann. Sie haben für mich auch keinen Bildgehalt. Es sind einfach Sätze, die etwas bedeuten, weil sie konkret sind. Etwas anderes ist ein Satz wie »Send me a postcard without an address« (aus »75 Poem«): Wenn ich das ausspreche oder höre, bricht ein kleiner Damm, und ein Sturzbach funkelnder Erinnerungen in leuchtend nebligen Pastelltönen ergießt sich in mein Gehirn. Von denen die meisten keine echten Erinnerungen sind.

Warum der Album-Titel »Burn Future Burn We Love Your Face«, und warum der Name Dead City Radio?

Das erste ist ein Zitat aus dem Song »Urban Happiness Revisited« von unserer ersten EP, der Name ist die Überschrift eines Gedichts von William S. Burroughs. Das Gedicht hat keine Bedeutung für uns, als Name hat Dead City Radio reinen Klangwert, wie etwa Suede, Wire oder Elastica (drei meiner Lieblings-Bandnamen, die leider schon vergeben waren).

Seid ihr Punkrock (immerhin wart ihr vor längerer Zeit auf dem »Tribute To Simon ‘77«-Sampler vertreten) oder seid ihr eine clevere Popband, die mit Versatzstücken der Rock’n’Roll-Geschichte ein Bandprofil kreiert hat?

Weder noch. Punkrock hat eine lange Geschichte, zu deren Anfängen ich eine sehr enge Beziehung hatte. Diese Beziehung ist seit 1981 nur noch als Erinnerung vorhanden, die spätere Entwicklung des Begriffs Punkrock hat für unsere musikalische Entwicklung keine Rolle gespielt. Auf dem Sampler sind wir, weil Simon einer meiner ältesten und besten Freunde war. Ich glaube auch nicht, daß wir besonders clever sind (sonst wären unsere Verkaufszahlen um einiges höher). Ein Bandprofil zu kreieren, ist Sache von Workshops und Pop-Karriere-Grundkursen, mit denen wir nichts zu tun haben. Aus Versatzstücken etwas zusammenzubauen, mit dem wir dann leben müßten, ist etwas derart Langweiliges, daß wir uns wahrscheinlich nach zwei Stunden auflösen würden. Andererseits gehören wir natürlich nicht zu den Leuten, die als Sandwichmänner irgendeiner dumpfen »Ehrlichkeit« durch die Lande ziehen und behaupten, sie seien »echt« und »einfach« und so was. Wir spielen mit Images und Bruchstücken kultureller Strategien. Das hat aber mit der Rock’n’Roll-Geschichte nichts (oder sehr wenig) zu tun, sondern mit anderen »Kultur-Scherben«, die wir zufällig finden und mit denen wir etwas anfangen können: die Manifeste und praktischen Versuche der Lettristen und Situationisten etwa, die an den verschiedensten Stellen des 20. Jahrhunderts in veränderter Form immer wieder auftauchen – bei den frühen Punks, bei Gruppen wie cobra und s.p.u.r. und der Kommune 1, bei Bands wie Chumbawamba und den Manic Street Preachers ...

Ihr zitiert im CD-Booklet Patti Smith und Malcolm McLaren, beides Persönlichkeiten, die dem durchschnittlichen MTV/VIVA-Jungkonsumenten wahrscheinlich völlig unbekannt sind. Was sollen die Zitate und warum bzw. von wem wurden genau diese ausgewählt?

Die Auswahl der Zitate folgt dem eben beschriebenen Zufalls-Konzept: Wir sammeln alles, was in Verbindung mit unserer Musik und unseren Texten einen Sinn zu ergeben scheint, reißen es aus seinem Kontext, werfen es mit unseren Sachen durcheinander, ordnen es neu, werfen es wieder durcheinander und lassen es sich selbst ordnen. Irgendwann entsteht daraus etwas, oder es entsteht nichts. Die Auswahl der Zitate hat dementsprechend nur sehr wenig mit den Personen zu tun, von denen sie stammen (obwohl sie natürlich eine Verbindung herstellen, mittels derer die Personen als Images wiederum in das Spiel einbezogen werden; aber prinzipiell könnten wir auch Hitler zitieren, wenn der je etwas Brauchbares gesagt hätte). Es sind manchmal Mottos, manchmal Illustrationen, manchmal Anhaltspunkte für weitere Verzweigungen. Und manchmal funktionieren sie auch wie eine Abwandlung von Richard Huelsenbecks bruitistischen, simultanistischen und statischen Gedichten: wie alle drei Formen auf einmal.

Da die Personen dabei nicht weiter wichtig sind (übrigens auch wir nicht), ist es auch egal, ob der Leser/Hörer sie kennt. Ich würde allerdings die jungen Konsumenten von MTV und VIVA nicht unterschätzen, dabei kann man manche Überraschung erleben. Andererseits muß es uns wiederum gleichgültig sein, wer was wie in unseren Sachen erkennt oder versteht. Es gibt keine Vorschriften und Gebrauchsanweisungen, die Wege sind alle offen, es können auch neue gebaut werden. Junge Leute tun dies übrigens sowieso.

Apropos jung: Ihr seid inzwischen ...

Halt! Das sage ich lieber selbst, damit es nicht so schrecklich in die Ecke drängend klingt: Ich bin inzwischen 34, so alt wie Jarvis Cocker, der in den meisten seiner wenigen Interviews nur noch vom Alter(n) spricht.

Ist das Altern in deinem Alter ein Problem?

Ja und nein. Ich hatte vor 20 Jahren mit zwei meiner ältesten und besten Freunde eine Band namens Tollwut. Heute treffen wir uns ab und zu, machen sogar gelegentlich Musik zusammen und stehen dann mit erstauntem Lächeln vor einem gealterten Kind, das wir gar nicht kennen, weil wir wie selbstverständlich annehmen, alles sei so geblieben wie es damals war. Aber wir haben vor einem Jahr eine Version von Ultravox!‘ »Frozen Ones« aufgenommen, die um Ligen besser ist als das schrecklich infantile Zeug, das wir damals gespielt haben und von dem man sich heute nur wundern kann, wie es jemals auf eine Schallplatte geraten konnte.

Bei dem einen oder anderen könnte der Eindruck entstehen, ihr wärt zu »kopflastig«; was macht bei DCR den Unterschied zwischen Live und Studio-Arbeit aus, so es einen gibt?

Schwer zu sagen, weil wir äußerst wenig live spielen. Der Eindruck »kopflastig« mag sich aufdrängen, aber das ist ein Irrtum, wenn man darunter etwas Anstrengendes versteht. Ich habe vorhin schon erwähnt, daß unser ganzes Konzept (wenn es denn eines ist) ein Spiel ist. Und, dies zur Studio-»Arbeit« (es ist keine Arbeit, Musik zu machen, auch wenn verbitterte Profis das immerzu behaupten; aber mir fällt jetzt auch kein besseres Wort ein): Ich kenne niemanden, der in so kurzer Zeit soviel Unsinn redet wie diese Band. In der Öffentlichkeit sind wir relativ schüchtern und verlegen, was manchmal arrogant wirkt, aber hinter der geschlossenen Studiotür verwenden wir den größten Teil unserer Zeit auf die Herstellung von Dialogen, die jeden normalen Zuhörer in kopfschüttelnde Verzweiflung oder die Zwangsjacke treiben würden.

Zwischen den Songs auf eurem ersten Album »Burn Future Burn We Love Your Face« sind gesprochene »Statements« zu hören. Wer oder was ist das?

Das sind Brett Anderson, James Dean Bradfield und Jeff Buckley, der leider letztes Jahr ertrunken ist. Die Geschichte, die er da erzählt, hätte er sonst vielleicht gerne selbst verwendet. Er hat versucht, mir zu beschreiben, wie seine Songs aussehen und funktionieren: Sie sind bemalte Leinwände, so klein wie Briefmarken. Du trägst sie mit dir herum, in irgendeiner Tasche, und wenn du sie irgendwann ins Wasser legst, dehnen sie sich aus und werden so groß wie ein Fußballplatz. So ungefähr.

Welche Bands oder Musiker haben euch beeinflußt? Wo liegen eure musikalischen Wurzeln?

Die Frage lassen wir lieber weg. Oder, na gut – Heute ist der 7. April 1998, und folgende Namen spielen an diesem Tag eine Rolle: Elastica, Comet Gain, Cornershop, Pulp, Richard Hell, Suede, Magazine, Buzzcocks, Martin Stephenson, Wire, Strangelove, Suicide, Ultravox!, Roxy Music, Blur, Rialto, Manic Street Preachers, Stranglers, Sex Pistols, Velvet Underground, XTC ... da waren jetzt schon einige dabei, die nicht nur heute wichtig sind. Vielleicht können wir übernächste Woche darauf noch mal zurückkommen. Ach so, und vielleicht sollten wir darauf hinweisen, daß unser Bassist Vale ungemein von

ZZ Top beeinflußt ist.

Was ärgert dich am meisten an der heutigen Musikszene?

Oh, so vieles, daß es ungerecht wäre, ein paar Kandidaten anderen vorzuziehen. Ich will es dennoch versuchen: Am schlimmsten finde ich wahrscheinlich die Mülltonnen in Sado-Maso-Verkleidung, die sich momentan für Musiker halten und bei deren abscheulichem Gegrunze und Gelärme sich der Hörer fühlt, als werde er ohne Wasser in einem Klo hinuntergespült. Vielleicht ist mir das ganze Konzept Rockmusik in seiner heutigen Auslegung zuwider. Dem Mythos zufolge war Rockmusik einst etwas Aufregendes, Neues, Spannendes. Heute versteht man darunter das fürchterlich langweilige Nachbeten von Formeln, die gar nicht als Formeln gedacht waren.

Tretet ihr deshalb so selten auf?

Nein. Das hat zwei andere Gründe. Zum einen haben wir es leider noch nie geschafft, einen Manager zu finden, das heißt: jemanden, der sich ein Telefon ans Ohr schraubt und wenigstens halbtags mit den Leuten spricht, die es einem ermöglichen aufzutreten. Und zweitens passen wir natürlich nicht mehr so besonders gut in Jugendzentren. Auch nicht in die Schemata, die dort reproduziert werden: Wir springen nicht durch die Gegend, wir schwitzen kaum, wir werden auch nie einen Satz wie »Are you ready?« sagen. (Und in den Schuppen, wo Leute unseres Alters normalerweise auftreten, haben wir schon überhaupt gar nichts verloren.) Das könnte man als eine gewisse Verweigerungshaltung gegenüber dem Publikum interpretieren, aber diese Interpretation ist falsch. In Wirklichkeit ist die übermäßige Aktivität vieler Bands auf der Bühne ein Versuch, von der Minderwertigkeit und Unerheblichkeit ihrer Musik abzulenken. Ich finde es ungemein angenehm, wenn Bands sich relativ statisch verhalten und ihrer Musik die Möglichkeit geben, für sich zu wirken. Einige der besten Bands haben so funktioniert und funktionieren so: Wire zum Beispiel. Auch die Sex Pistols waren eine überraschend statische Band, und selbst The Clash haben sich nie in wilder Gymnastik versucht, sondern nur überlegte Bewegungen verwandt, die als Posen in Verbindung mit Musik und Text (und im übrigen auch der Kleidung) sinnvoll waren.

Sind Posen nicht unehrlich?

Natürlich. Kunst muß unehrlich sein, um zu wirken und dir etwas zu geben, was über die Erkenntnis hinausgeht, daß die Welt langweilig ist und so bleiben wird. Vor einigen Jahren war es Mode, Musiker dafür zu loben, daß sie »simpel und ehrlich« waren. Das heißt aber nur, daß sie sich weigerten, Künstler zu sein und sich anzustrengen, ihrem Publikum mehr zu geben als den öden Dreck, den es sowieso kannte. Billy Bragg ist ein gutes Beispiel: Jeder hält ihn für ehrlich, bodenständig und simpel, aber seine Songs und besonders die Geschichten, die er dazwischen erzählt, sind sehr genau durchdacht und von B bis Y erfunden. Von The Clash wiederum gar nicht zu sprechen: die singen über den spanischen Bürgerkrieg, da waren sie noch gar nicht geboren! Das zufällige Gegenbeispiel wäre eine Band wie Biohazard. Die spazieren auf der Bühne rum, brüllen abgeschmacktes Zeug über ihr angeblich so hartes Leben und sehen aus, als wären sie ihre eigenen Roadies. Und schreien »Are you ready?«. Was zeigt, daß sie nicht zu ehrlich, sondern schlicht zu dumm und phantasielos sind, um irgend etwas zu tun, was interessant wäre. Das ist übrigens im Fußball ähnlich: Wer will schon eine Mannschaft sehen, die ehrlich, bodenständig, schnörkellos, geradlinig, simpel spielt? Das erträgt man nur mit Fanatismus, und deshalb besteht im Fußball wie in der Popmusik ein sehr enger Zusammenhang zwischen Simplizität und brutalem Fanatismus. Ohne jemanden beleidigen zu wollen (ich brauche nur ein Beispiel): vergleich mal ein Stadion in Brasilien mit dem in Rostock, und vergleich mal ein Konzert der Böhsen Onkelz mit einem Suede-Konzert. Das ist übrigens auch der in den Diskussionen stets verfehlte Kern der Sache mit den faschistoiden Tendenzen in der Rockmusik. Nicht umsonst waren (und sind) angebliche Bodenständigkeit und Simplizität ebenso zentrale Elemente des Nationalsozialismus wie Brutalität, Fanatismus und eine geradezu körperliche Abneigung gegen Kunst, Witz und Intelligenz.

Wie schätzt ihr eure Chancen im Haifischbecken Pop-Business ein?

Jetzt fängt gleich wieder irgendeiner an zu weinen, weil wir vergessen haben, diese vermaledeiten Handzettel zu kopieren oder so was. Nein, im Ernst: In unserem Alter (schon wieder das Alter, also mal konkret: unser Durchschnittsalter ist knapp unter 30) sollte man andere Sachen im Kopf haben als den Traum, so zu enden wie die Backstreet Boys. Unsere Chancen, realistisch eingeschätzt: Wir sind nicht bei einer großen Plattenfirma unter Vertrag und werden das auch in nächster Zeit nicht sein; also wird sich unser Album nicht Charts-relevant verkaufen. Wir haben keinen schlauen Manager, also wird unsere Medienpräsenz es uns auch in naher Zukunft erlauben, in Ruhe in unseren Lieblingskneipen zu sitzen. Und solange es uns irgendwie gelingt, in einigermaßen erträglichen Abständen Platten zu veröffentlichen (demnächst übrigens eine neue EP mit dem Titel »Utopia« und ungefähr acht weiteren Songs, die es nur direkt bei uns zu bestellen gibt) und ab und an auch mal live zu spielen, ist das doch keine schlechte Perspektive.

Gibt es einen Wunsch, den du dir als Musiker noch erfüllen möchtest?

Vor drei Jahren traf ich Elvis Costello in dem wunderbar altmodischen Hotel »Halcyon« in Holland Park, einer stillen, kleinen Seitenstraße der Park Lane in Shepherd’s Bush, und der Zimmerkellner fragte uns, ob wir noch etwas wünschten. Elvis sagte: etwas Heroin und ein Maschinengewehr. Ich hätte das Hotel genommen.