THE NARCOTIC BROTHERS

 

 

Die Geschichte ...

begann mit so etwas wie einem Märchen. Im Sommer 1993 lernte der damalige The-Comics-Sänger Michael Sailer in einem kleinen, düsteren Club in Washington, DC (dem "Black Cat Club", um genau zu sein) drei Männer, die, als sie erfuhren, daß er als Journalist dort war, ihm von ihrer Band erzählten. Will, Rich und Joshua Mullen, alle drei über fünfzig, spielten bereits seit den frühen 50er Jahren zusammen, hatten aber noch nie eine Platte aufgenommen, noch nicht einmal in einem größeren Club, auf einem Festival oder außerhalb ihrer Heimatstadt Washington gespielt. Zu ihrem Repertoire gehörten neben über 200 eigenen Songs auch unbekannte Kompositionen anderer Musiker, etwa von Joe Bradford, Willis "Muds" Ciszec – und Nathan Beauregard, den die Mullen-Brüder im Juni 1969 auf dem Memphis Country Blues Festival kennengelernt hatten, als sie dort (vergeblich) nach einer Auftrittsmöglichkeit fragten. Beauregard, damals 106 Jahre alt und blind, hatte selbst noch nie eine Platte veröffentlicht und "schenkte" daher seine Songs den Mullens, die sie mit nach Washington nahmen, wo sie ab 1970 in einem leerstehenden Haus in der 14th Street im Stadtteil Adams-Morgan wohnten und nächtliche Feste veranstalteten – praktisch die einzige Gelegenheit, ihre Songs vor Publikum zu spielen. Eines dieser Feste erlebte Michael Sailer, dabei brachten Will, Rich und Joshua dem deutschen Gast soviele ihrer Songs bei, wie er behalten konnte, um sie anderen Leuten an anderen Orten vorzuspielen. Am nächsten Morgen notierte er alles, was ihm im Gedächtnis geblieben war, Textfetzen und Akkordfolgen – die fragmentarische Grundlage der ersten Narcotic-Brothers-Songs.

Zurück in Deutschland, spielte Sailer seinen Comics-Kollegen die Narcotics-Song-Fragmente vor. Man beschloß, irgendwann an einem Akustik-Programm zu arbeiten. Zunächst kam der Plan jedoch wegen einer Tournee mit den Manic Street Preachers und anschließenden Vorbereitungen zum Album "I Have Nothing To Offer The World But My Own Confusion" auf die lange Bank.

Im August 1994 kehrte Sailer nach Washington zurück und fand das Haus, in dem die Mullen-Brüder gelebt hatten, leer. Ein Graffitti auf der Mauer fragte: "You’ve closed this shelter, may I stay at your house?" Wiederum im Black Cat Club, in dem an jenem Abend (dem 13. August) Jeff Buckley auftrat, traf Sailer einen der Teilnehmer des Festes vom vergangenen Jahr. Er erzählte ihm den Rest der Geschichte: Will, Rich und Joshua Mullen, alle drei seit vielen Jahren opiatabhängig, waren im September 1993, drei Wochen nach seiner Abreise aus Washington, an einer offenbar geplanten gemeinsamen Überdosis gestorben.

Der Geist ihrer Songs lebte weiter: Aus den Fragmenten entstanden zunächst etwa 40 eigene Songskizzen der Narcotic Brothers; ein Großteil davon füllte das Kassetten-Album "Big Hits (Low Tide And Black Tar)", das Anfang 1995 in Kleinstauflage erschien. Von Anfang an war der Plan nicht, als musikalische Archäologen oder Museumswärter "fremde" Songs nachzuspielen (was aufgrund der schlechten Überlieferung auch gar nicht gegangen wäre) und daraus eine Art "Roots-Revue" zu machen, sondern eine musikalische Tradition aufzugreifen und weiterzuführen. Neue Songs kamen dazu, das Motto der Narcotic Brothers war, die langsamste und leiseste Band der Welt zu sein.

Nach einigen sehr erfolgreichen Live-Auftritten entstanden schließlich im verregneten Spätsommer 1995 bei offenem Fenster und praktisch ohne Overdubs die Songs für das Album "The Storm Is Over", das wegen finanzieller Schwierigkeiten zunächst nicht erscheinen konnte. Vorsichtige Annäherungen an Plattenfirmen stießen auf völliges Unverständnis. The Comics lösten sich auf, einige der Beteiligten fanden sich bei Dead City Radio wieder und machten inzwischen zwei Alben und drei EPs. Erst Anfang 2000 konnte "The Storm Is Over" schließlich veröffentlicht werden – in individuell gebrannter Mini-Auflage ohne Vertrieb und Promotion.

Neue Songs folgten, die Richtung änderte sich immer wieder, aber weitere Live-Auftritte (immer unter ausschließlicher Beleuchtung durch ein paar Dutzend Kerzen) zeigten, daß die Magie von Songs wie "Cripple Garden", "Long As I Can Think I’ve Been Away", "Darkening Of The Light", "A Song" und dem auf einem Lied von Nathan Beauregard beruhenden "The Prophet Cried" ein Erlebnis ist, wie es in der oberflächlichen und auf Hochglanz polierten Perfektionsmaschinierie der heutigen Musikszene kein zweites gibt. Die Narcotic Brothers sind keiner der modischen "Kulte", denen man immer mal wieder ein Quartal lang nachläuft, sondern eine Legende, die nie stattgefunden hat, eine Idee, die weiterleben wird.

 

Die Gegenwart ...

... ist immer eine Illusion. Die Aufnahmen zum zweiten Narcotic-Brothers-Album laufen, sporadisch, erratisch, mit diverser Beteiligung. Wann es erscheinen wird, steht in den Sternen. Jahre spielen im Kosmos der Stille keine Rolle. Man wird suchen müssen.

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